Zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen von Geld
Wer gerne Wirtschafts- und Finanznachrichten verfolgt, der liest oft den Begriff des „Cashflows“. Wörtlich übersetzt ist das der „Geldfluss“.
Anhand der Begrifflichkeit erschließt sich einem die Bedeutung eigentlich schon ganz gut. Ein Unternehmen stellt Produkte her und verkauft sie. Die Kunden bezahlen den Preis, es fließt Geld und auf dem Firmenkonto entsteht eine Einzahlung.
Für die Herstellung der Produkte benötigt die Firma Rohstoffe. Diese bekommt sie von Lieferanten und bezahlt sie dafür. Es fließt wieder Geld, auf dem Konto findet eine Auszahlung statt.
Einmal „fließt“ das Geld ins Unternehmen rein, das andere Mal „fließt“ es wieder heraus. Idealerweise kommt mehr rein als raus (positiver Cashflow), anderenfalls würde es die Firma nicht lange geben.
Gewinn und Cashflow – nicht das Gleiche!
Jetzt würde man denken, man nimmt einfach die Differenz zwischen dem Geld, was reinkommt, und dem, was rausgeht und man hat den Gewinn oder den Verlust, den das Unternehmen erzielt hat. Aber Vorsicht, so einfach ist es leider nicht.
Es kann sein, dass ein Unternehmen in seinen Kennzahlen einen Gewinn ausweist, aber der Cashflow negativ ist. Das klingt unlogisch, hat aber mit Regeln zu tun, die Gewinn/Verlust bzw. den Geldfluss definieren.
Ein Beispiel
Anhand eines Beispiels wird das Ganze verständlich:
Unsere imaginäre Firma stellt Rasenmäher her. Ein Kunde kommt in den Laden und kauft einen Rasenmäher für 1.000 €. Der Rasenmäher muss erst noch produziert werden; der Kunde bekommt ihn in zwei Wochen zugesandt. Erst dann muss der Kunde den Preis bezahlen.
In dem Moment, in dem der Kunde im Laden steht und sagt: „Ich möchte den Rasenmäher kaufen“, entsteht der Kaufvertrag und die Firma hat einen Gewinn erzielt.
Da das Geld aber erst in zwei Wochen vom Kunden überwiesen wird, ist noch kein Cashflow entstanden.
Wenn man jetzt den Geschäftsbericht der Firma ansehen würde, würde man einen Gewinn sehen, obwohl auf dem Konto die 1.000 € noch fehlen.
Der Unterschied zwischen Gewinn und Cashflow liegt also im zeitlichen Faktor. Gewinne oder Verluste müssen sofort ausgewiesen werden, auch wenn das Geld noch gar nicht geflossen ist. Der Cashflow ist dagegen der Blick aufs Konto mit allen Ein- und Auszahlungen, wie wenn du auf deinen Kontoauszug schaust.
Warum ist das wichtig?
Cashflow, Gewinn und Verlust sind einige von vielen Kennzahlen, die ein Unternehmen beschreiben. Für dich als Investor ist es wichtig, diese Kennzahlen lesen und interpretieren zu können.
Stell dir vor, du interessierst dich für ein Unternehmen und du denkst darüber nach, Aktien davon in dein Portfolio zu legen. Statt blind nach Bauchgefühl, solltest du deine Entscheidung von der Qualität des Unternehmens abhängig machen. Das machst du, indem du dir den Geschäftsbericht genauer anschaust oder Berichte über das Unternehmen liest.
Wenn das Unternehmen Gewinne schreibt ist das erst mal gut. Es kann aber sein, dass trotzdem kein Geld in der Kasse ist. Eben weil sich Gewinn und Cashflow unterschiedlich berechnen.
Nehmen wir die Tech-Giganten aus den USA: NVIDIA, Meta, Alphabet, Amazon. Du hast sicherlich schon davon gelesen, dass diese Firmen Hunderte von Milliarden von Dollar in Rechenzentren investieren, um mit Künstlicher Intelligenz Umsatz zu machen.
Sagen wir, Amazon verdient 50 Mrd. $ im Jahr und gibt 50 Mrd. $ für Rechenzentren aus (nur fiktive Werte). Jetzt könnte man annehmen, dass sie in diesem Jahr einen Gewinn von 0 $ gemacht haben.
Tatsächlich ist es aber so, dass die 50 Mrd. $ für die Rechenzentren nicht sofort den Gewinn schmälern. Im Gegenteil, im ersten Jahr passiert erst mal gar nichts. Warum?
Ganz einfach. Die Firma hat zwar 50 Mrd. $ weniger Geld, hat dafür aber Rechenzentren, vollgepackt mit KI-Chips und Servern inkl. den Gebäuden, den Kühlungsanlagen und alles was noch dazu gehört. In der Bilanz sinkt zwar der Cash-Bestand, aber die Wertgegenstände steigen um genau denselben Betrag.
Im Laufe der Jahre sinkt der Wert der KI-Chips, der Server und der Gebäude natürlich. Nach einem Jahr sind sie nicht mehr 50 Mrd. $ Wert, sondern nur noch 45 Mrd. $. Nach zwei Jahren nur noch 40 Mrd. $, nach drei 35 Mrd. $, usw. Diesen Wertverlust nennt man „Abschreibung“. Jedes Jahr sinkt der Wert also um 5 Mrd. $, bis die Rechenzentren nach 10 Jahren nichts mehr Wert sind.
Diesen Wertverlust muss die Firma jedes Jahr ausweisen. Also, statt einmalig 50 Mrd. $, gibt die Firma fiktiv 10 Jahre lang jeweils 5 Mrd. $ aus.
Wenn wir bei unserem Beispiel bleiben, bei dem Amazon 50 Mrd. $ verdient hat und 50 Mrd. $ in Rechenzentren investiert, ergibt sich im ersten Jahr ein Gewinn in Höhe von: 50 Mrd. $.
Der Cashflow ist dagegen bereits im ersten Jahr 0 $.
50 Mrd. $ kamen rein, 50 Mrd. $ gingen raus.
Schaut man sich nur den Gewinn an, würde man also erwarten, dass Amazon 50 Mrd. $ auf dem Konto hat. Man würde sich wundern, wenn man auf dem Kontoauszug stattdessen eine dicke 0 sehen würde.
Ist das jetzt gut oder schlecht?
Was ist jetzt besser? Ein positiver Cashflow oder Gewinn? Die Frage kann man nicht pauschal beantworten. Natürlich ist es das Beste, wenn ein Unternehmen sowohl einen Gewinn macht als auch einen positiven Cashflow erzielt.
Trotzdem ist das imaginäre Beispiel von oben mit Amazon nicht pauschal schlecht. Die Investition von Amazon macht durchaus Sinn. Es ist eine Investition in die Zukunft und Amazon wird mit den Rechenzentren sicherlich später gutes Geld verdienen.
Es ist auch nicht falsch, die Ausgaben in Höhe von 50 Mrd. $ auf 10 Jahre zu verteilen. Immerhin hat Amazon für das Geld ja auch einen materiellen Wert in Form der Rechenzentren erhalten. Die Server, die KI-Chips, das Gebäude, die Infrastruktur. Das ist ja alles etwas wert und könnte im Notfall verkauft und wieder in Geld umgewandelt werden. Erst im Laufe der Zeit wird der Wert sinken, weil es mittlerweile bessere KI-Chips gibt, oder die Gebäude in die Jahre gekommen ist.
Der Cashflow hilft dir dagegen, zu beurteilen, wie das Unternehmen gerade dasteht. Ein negativer Cashflow kann schon mal Sinn machen, eben wenn die Firma etwas aufbaut und dafür erst mal investieren muss. Aber auf Dauer muss mehr Geld reingehen als rausgeht, damit Schulden beglichen, Dividenden gezahlt und etwas zur Seite gelegt werden kann.
Fazit
Wie du siehst, kommt es bei der Beurteilung von Unternehmenszahlen auf die Details an. Merke dir also:
- Gewinn und Cashflow erzählen unterschiedliche Geschichten über Unternehmen.
- Ein Unternehmen kann einen satten Gewinn ausweisen und trotzdem kein Geld auf dem Konto haben.
- Es geht auch andersherum: Prall gefüllte Kassen, aber der Gewinn ist negativ und die Firma weist einen Verlust aus.
- Achte darauf, wie das Gesamtbild aussieht:
- Wofür gibt ein Unternehmen Geld aus?
- Sind es sinnvolle Investitionen in die Zukunft oder fehlt eine klare Strategie?
- Ist die Firma finanziell gut aufgestellt oder hält es sich nur noch über Wasser?

