Themen des Tages: September-Blues an den Märkten, Tech-Giganten im KI-Rausch & die Renaissance der Schwellenländer
Einleitung: Wenn die Märkte Herbstluft schnuppern
Ein neuer Monat hat begonnen, und an den Finanzmärkten macht sich eine altbekannte Unruhe breit. Während der Deutsche Aktienindex (DAX) kürzlich noch Rekordhöhen und die Marke von 26.000 Punkten feierte, blicken viele Investoren nun gebannt auf den Kalender. Der September gilt als einer der schwierigsten Börsenmonate des Jahres. Doch was bedeutet das konkret für dein Depot und deine Strategie beim langfristigen Vermögensaufbau?
In der heutigen Ausgabe unserer „Themen des Tages“ schauen wir hinter die Kulissen der aktuellen Schlagzeilen. Wir analysieren, warum der Saisonalitäts-Mythos kein Grund zur Panik ist, wie Tech-Konzerne Milliarden in Künstliche Intelligenz und deren immense Energieversorgung pumpen, was beim Börsengang des Fast-Fashion-Riesen Shein schiefgelaufen ist und warum Schwellenländer-ETFs derzeit die etablierten US-Indizes abhängen.
1. Das September-Phänomen: Mythos, Statistik und die finale Zinsentscheidung
Jedes Jahr im Spätsommer taucht an den Börsen dieselbe Warnung auf: Der September sei statistisch gesehen der schlechteste Monat für Aktieninvestments. Doch wie viel Substanz steckt wirklich hinter diesem Mythos?
Was sagt die Statistik?
Blickt man auf die vergangenen Jahrzehnte, zeigen sich tatsächlich auffällige Zahlen:
- S&P 500: Seit 1928 verliert der bekannteste US-Aktienindex im September durchschnittlich etwa 1,2 %. Nur in rund 44,5 % aller Fälle schloss er diesen Monat mit einem Plus ab.
- DAX: Seit seiner Erfindung 1988 schloss der deutsche Leitindex in 20 von 33 September-Monaten im Minus – das entspricht einer Erfolgsquote von gerade einmal knapp 40 %. Auch der bisher größte Monatsverlust der DAX-Geschichte fiel in einen September: Im Jahr 2002 brach der Index um 25 % ein.
Warum du jetzt keinesfalls panisch verkaufen solltest
Als langfristig orientierte Anleger ist es entscheidend, statistisches „Rauschen“ von echten Signalen zu unterscheiden. Der negative Schnitt des Septembers kommt nicht durch durchgehend schlechte Monate zustande, sondern durch wenige historische Katastrophenjahre wie 1929, 2001, 2002 oder 2008. Nimmt man diese Extremereignisse aus der Statistik heraus, zeigt sich ein völlig unauffälliges Bild.
Zudem würde ein Verkauf im August hohe Kosten und steuerliche Nachteile nach sich ziehen. Auf realisierte Buchgewinne fällt in Deutschland die Kapitalertragsteuer (Abgeltungsteuer) an. Wer sein Depot räumt, um einen potenziellen Kursrückgang von etwa 1 % zu vermeiden, zahlt garantierte Steuern für ein ungesichertes Risiko. Zudem zeigt die Historie: In zwei von drei Jahren entwickeln sich die Indizes im letzten Jahresdrittel positiv. Wer im September aussteigt, verpasst häufig den anschließenden Aufschwung.
Der wahre Belastungsfaktor: Zinsen und Inflation
Die eigentliche Unruhe an den Märkten entsteht derzeit nicht durch Kalenderdaten, sondern durch konkrete makroökonomische Entscheidungen. Die US-Notenbank (Fed) hält ihren Leitzins aktuell in der Spanne von 3,50 bis 3,75 %. Mit einer Inflationsrate von zuletzt 3,4 % im Juli liegen die Verbraucherpreise jedoch weiterhin spürbar über dem Zielwert der Währungshüter.
Am Markt wird intensiv darüber spekuliert, ob die Fed im September die Zinsen nochmals anheben muss. Höhere Zinsen verteuern Kredite für Unternehmen, dämpfen das Wirtschaftswachstum und machen festverzinsliche Geldanlagen gegenüber Aktien attraktiver. Gleichzeitig zeigt der US-Arbeitsmarkt erste Schwächen. Die Notenbank steht somit vor einer Gratwanderung: Erhöht sie die Zinsen weiter, riskiert sie eine Abkühlung der Wirtschaft; senkt sie die Zinsen zu früh, könnte die Inflation erneut anziehen.
2. KI-Boom: Riesige Deals, astronomische Summen und der Hunger nach Energie
Während makroökonomische Sorgen die Indizes belasten, läuft das Geschäft rund um Künstliche Intelligenz (KI) weiterhin auf Hochtouren. Zwei grundlegende Entwicklungen zeigen, wohin die Reise im Tech-Sektor geht: der immense Bedarf an Rechenkapazitäten und die Suche nach stabiler Energieversorgung.
KI frisst Strom: Google setzt auf Geothermie
Der Betrieb von KI-Modellen erfordert gigantische Datencenter, die rund um die Uhr massive Mengen an elektrischem Strom benötigen. Google hat vor diesem Hintergrund eine Partnerschaft mit dem Geothermie-Entwickler Fervo Energy geschlossen.
Ab 2028 soll Fervo knapp 400 Megawatt Strom für ein neues Rechenzentrum im US-Bundesstaat Utah liefern. Google sicherte sich zudem eine Option auf insgesamt bis zu 1 Gigawatt – eine Leistung, die in etwa der eines klassischen Atomkraftwerks entspricht. Geothermie (Erdwärme) gilt als besonders attraktiv für die Tech-Branche, da sie im Gegensatz zu Wind- oder Solarenergie wetterunabhängig und kontinuierlich Grundlaststrom bereitstellt.
Die Milliarden-Karusselle der KI-Pioniere
Parallel dazu schließt Anthropic, Entwickler des KI-Assistenten Claude, weiterhin massive Kapazitätsverträge ab. Zuletzt kündigte das Unternehmen einen Deal über 35 Milliarden US-Dollar mit dem Cloud-Anbieter Lambda an.
Besonders interessant ist die Rolle von NVIDIA im Hintergrund. Der führende Entwickler von KI-Grafikprozessoren stellt nicht nur die benötigte Hardware bereit, sondern tritt auch als Finanzier und Halter von Mietverträgen für Rechenzentren auf. Damit nutzt NVIDIA seine enorme Liquidität, um die Infrastruktur der eigenen Kunden auszubauen, was wiederum direkt die Nachfrage nach den eigenen Hochleistungschips anfeuert.
3. IPO-Dämpfer für Shein: Wenn Fast Fashion an die Grenzen stößt
Ein prominentes Beispiel für die aktuellen Herausforderungen an den Aktienmärkten liefert der Börsengang (IPO) des Online-Modehändlers Shein an der Börse in Hongkong.
Ein Absturz der Bewertung auf Raten
Beim Börsenstart bewegte sich die Aktie schwankend, konnte sich aber zunächst nahe dem Ausgabepreis halten. Die aktuelle Bewertung liegt bei etwa 25 Milliarden US-Dollar. Was nach einer gewaltigen Summe klingt, bedeutet für Früheinsteiger einen deutlichen Wertverlust: Noch im Jahr 2022 wurde das Unternehmen in privaten Finanzierungsrunden mit fast 100 Milliarden US-Dollar bewertet.
Warum bremst das Wachstum von Shein?
Das Geschäftsmodell von Shein basiert auf datengetriebener Echtzeit-Produktion: Neue Modetrends werden in extrem kleinen Stückzahlen online bestellt. Erst wenn die Daten eine hohe Nachfrage bestätigen, wird nachproduziert. Dennoch steht der Konzern vor strukturellen Hürden:
- Wachstumsverlangsamung: Während der Umsatz früher um über 40 % pro Jahr wuchs, liegt das aktuelle Plus nur noch bei knapp 1 %.
- Regulatorischer Druck: Bisher profitierte Shein stark von Zollfreigrenzen für günstige Direktlieferungen aus China in die USA und die EU. Gesetzgeber weltweit schließen diese Schlupflöcher zunehmend, was die Marge belastet.
- Mindernde Effizienz beim Marketing: Die Marketingausgaben von Shein sind auf 16 % des Umsatzes gestiegen. Ein steigender Marketingaufwand bei gleichzeitig stagnierendem Umsatz deutet darauf hin, dass die Neukundengewinnung deutlich teurer und schwieriger geworden ist.
Fazit für Anleger: Auch nach dem deutlichen Bewertungsabschlag ist die Aktie nicht zwingend günstig. Ein erwartetes KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) von ca. 15 ist angesichts des stark abgeflachten Wachstums und des intensiven Wettbewerbs (etwa durch Temu) kritisch zu hinterfragen.
4. Trendwende bei ETFs: Die Schwellenländer starten durch
Für Privatanleger, die passiv über Exchange Traded Funds (ETFs) Vermögen aufbauen, gibt es derzeit eine bemerkenswerte Entwicklung an den Handelsplätzen: Die Schwellenländer (Emerging Markets) gewinnen deutlich an Dynamik.
Warum Schwellenländer wieder punkten
Lange Zeit hingen Schwellenländer-ETFs den großen US-Technologieindizes hinterher. Seit Jahresbeginn hat sich das Blatt jedoch gewendet: Ein breit gestreuter ETF wie der iShares Core MSCI EM IMI konnte um 25 % zulegen und übertrifft damit sowohl den Nasdaq 100 (+17 %) als auch den S&P 500 (+12 %) deutlich.
Gründe für das erneute Interesse der Investoren sind attraktive Bewertungen, stabileres Wirtschaftswachstum in ausgewählten Regionen Asiens und Südamerikas sowie eine stärkere Rohstoffnachfrage.
Alternativen zur reinen Marktkapitalisierung
Neben klassischen Schwellenländer-Indizes fragen Anleger zunehmend Multifaktor- und BIP-gewichtete Ansätze nach. Ein Beispiel ist der L&G Gerd Kommer Multifactor Equity ETF, der Schwellen- und Industrieländer kombiniert. Hier fließt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit (das Bruttoinlandsprodukt, BIP) eines Landes zu 50 % in die Gewichtung ein, was eine Übergewichtung einzelner US-Megacaps vermeidet und kleinere sowie mittlere Unternehmen stärker berücksichtigt.
Gold bleibt als Krisenschutz gefragt
Neben Aktien verzeichnen Gold-ETCs und Goldminen-ETFs weiterhin starke Kapitalzuflüsse. Angesichts hoher US-Staatsverschuldung und geopolitischer Unsicherheiten nutzen viele Investoren Edelmetalle als Baustein zur Portfoliostabilisierung.
5. Nachrichtenüberblick: Unternehmen im Fokus
Neben den großen Trends gab es in den letzten 24 Stunden wesentliche Unternehmensmeldungen:
- Volkswagen (VW): Vertrauliche Unterlagen für den Aufsichtsrat deuten auf umfassende Restrukturierungen hin. Mehrere deutsche Werke stehen zur Disposition, zudem stehen bis zu 50.000 Stellen auf dem Prüfstand. Die Gewerkschaften haben bereits Widerstand angekündigt.
- Novartis (+6 %): Der Schweizer Pharmakonzern meldete erfolgreiche Studienergebnisse für ein neues Medikament gegen Multiple Sklerose. Analysten trauen dem Präparat jährliche Spitzenumsätze von über 3 Milliarden US-Dollar zu.
- Deere & Co.: Die Aktie des Landmaschinenherstellers brach nach einer mehrmonatigen Korrekturphase auf ein neues Allzeithoch aus. Begleitet von hohem Handelsvolumen befindet sich der Titel technisch weiterhin in einem intakten Aufwärtstrend.
- Autohaus König: Deutschlands größter Renault-Händler mit 82 Standorten und rund 1.200 Beschäftigten hat Insolvenz angemeldet. Trotz hoher Verkaufszahlen führten hohe Verbindlichkeiten von über 212 Millionen Euro bei extrem geringer Liquidität zur Zahlungsunfähigkeit.
Was bedeutet das für deinen langfristigen Vermögensaufbau?
Wenn du als junger Mensch Vermögen aufbauen willst, begegnen dir täglich Schlagzeilen über schwankende Kurse, Zinsentscheidungen und drohende Korrekturen. Aus all diesen Nachrichten lassen sich klare Prinzipien für die Praxis ableiten:
- Lass dich nicht von Saisonalitäten verunsichern: Kursschwankungen im September gehören zum normalen Börsengeschehen. Ein kontinuierlich besparter Welt-ETF gleicht solche Phasen über die Jahre automatisch aus.
- Breite Diversifikation schützt: Wer ausschließlich auf Hype-Themen wie Fast Fashion setzt oder einzelne Tech-Aktien übergewichtet, trägt hohe Einzelwertrisiken. Die aktuelle Stärke der Schwellenländer zeigt, wie wichtig es ist, das Depot global über verschiedene Regionen und Branchen zu streuen.
- Qualität vor Schlagzeilen: Unternehmen mit extrem hoher Verschuldung oder unklarem Profitabilitätsmodell geraten in Zeiten höherer Zinsen schnell unter Druck. Achte bei Einzelinvestments auf solide Bilanzen und tragfähige Geschäftsmodelle.
Kommentare und Anregungen: gerne an info@plantyourmoney.de oder per Instagram.
Quellen:
Diese Informationen stammen aus Newslettern folgender Herausgeber: OAWS, Business Insider, Börse Stuttgart , Deutsche Börse und finanzen.net.
Methodik:
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